
Erdung und Flugphase
Trail Voices: Kathi
„Beim Laufschritt hat man immer den Bodenkontakt. Man spürt, man ist verankert, aber man hat auch die Flugphase.“
Biomechanisch ist das sogar die Definition: Wer geht, hat immer mindestens einen Fuß am Boden, wer läuft, verlässt ihn für einen Wimpernschlag und darf sich in dieser Zeit offiziell vom Boden der Tatsachen verabschieden. Dass Kathi aus dieser Lehrbuchweisheit eine Antwort darauf macht, was sie am Laufen hält, finde ich bemerkenswert. Sie selbst nennt das Bild „symbolisch und sehr, sehr treffend“. Ich wage nicht zu widersprechen.
In dieser Reihe fragen wir, was einen Läufer zum Läufer macht. Jonathon antwortete mit der Lokomotive: nicht graziös, aber irgendwann da. Dianie mit einem Satz über Demut: Die Trails demütigen dich. Kathi legt eine dritte Antwort daneben, nämlich Verankerung und Freiheit in ein und demselben Schritt. Drei Stimmen, drei Haltungen, und keine lässt sich in die Schublade der anderen schieben, ohne dass es klemmt.
Der Sonnenaufgang am Wendelstein
Ich hatte Kathi gebeten, den perfekten Trail zu malen oder ein Bild mitzubringen. Sie hat sich für Letzteres entschieden: Sonnenaufgang am Wendelstein, entstanden im letzten Urlaub, erst in Berchtesgaden, dann in Bayrischzell. Im Urlaub ist sie „natürlich immer sehr eingebunden“, mit Familie und Kindern, doch zwei, drei Morgen ließen sich herauspicken wie Rosinen aus dem Kuchen. Dann läuft sie sehr früh los, „in den Sonnenaufgang hinein“, und zwar mit einer klaren Deadline: Zum Frühstück will sie wieder am Tisch sitzen.
Die Route hatte sie vorher geplant, mehrere Gipfel, ein gesunder Appetit auf Höhenmeter. Das Gebiet ist touristisch erschlossen, aber um diese Uhrzeit gehört es denen, die keinen Eintritt zahlen: Gämsen, Rehen und, wie sie ergänzt, natürlich den Kühen. Der Weg durch den Wald nach oben fühlt sich zunächst „ein bisschen wie Arbeit“ an. Dann kommt eine Scharte, über die sie klettert, und dahinter fällt das Licht auf alles, was unten im Wald noch im Dunkeln lag.
„Dann hat man so eine Weite vor sich und kann sich so richtig austoben beim Laufen und den Moment genießen.“
Fotos macht sie beim Laufen sonst kaum, weil sie das „aus dem Flow rauszieht“. An diesem Morgen aber siegte der Wunsch, den Moment festzuhalten, auch wenn ein Foto bekanntlich nie so wirkt wie die Wirklichkeit. Ein kleines Paradox bleibt: Um die Weite einzufangen, zückt man ausgerechnet das Smartphone, den natürlichen Feind des Flows, und presst den Horizont auf sechs Zoll. Aber Licht, Tau und die Berge im Hintergrund waren es ihr wert, und der Weg ließ sich obendrein „flowig“ laufen.
Räume erschließen
Zu Fuß unterwegs war Kathi schon als Kind. Sie wollte wissen, wohin die Wege führen, und hat dabei das ein oder andere Mal Ärger kassiert, weil die Touren länger dauerten als vereinbart. Zu Beginn des Studiums verabredete sie sich mit ihrer besten Freundin zum Laufen, zunächst, „weil man das halt so macht“, der Gesundheit zuliebe. Dann merkte sie, dass es ihr sehr viel mehr gibt.
„Diese Freiheit, die Möglichkeit, sich Räume zu erschließen, die Welt darüber zu ergründen.“
Auf den ersten Zehner, den Bonner Nachtlauf, folgte die Anmeldung zum Bonn-Marathon. Der blieb ihr verwehrt: Reizung im Knie oder im Fuß, so genau weiß sie es nicht mehr, vermutlich zu viel, zu schnell, in einem Sommer, in dem es so gut lief, dass jeden Tag 20 Kilometer dazugehörten. Ein halbes Jahr später stand sie stattdessen am Rursee an der Startlinie, in einer Gegend, aus der sie stammt und in der ihre Eltern bis heute wohnen.
„Da hat sich das so rund angefühlt, auch meinen ersten Marathon dort zu laufen.“
Der Rursee-Marathon ist hügelig, kein Trail, aber ein Landschaftslauf. Seitdem, sagt sie, habe sie nie wieder das Bedürfnis verspürt, einen flachen, schnellen Stadtmarathon zu laufen. Ihre Erklärung gefällt mir: Vielleicht habe ihr der Körper damals schon signalisiert, dass der Bonn-Marathon gar nicht die beste Idee gewesen wäre, weil es sie eher in die Natur zieht. Ich verbuche das unter Embodiment: Der Körper hat abgestimmt, bevor der Kopf überhaupt den Stimmzettel gefunden hatte.
Ein Luftballon, hundert Kilometer und ein Titel
2016 lief Kathi beim Dragon Ultra Trail im Siebengebirge ihre ersten (organisierten) 50 Kilometer, mit je nach Erinnerung 1.500 oder 2.000 Höhenmetern. Höhenmeter sind eben wie Fischerlatein: Sie wachsen mit den Jahren. Die Strecke war nicht markiert, navigiert wurde mit der Uhr, in kleinen Grüppchen, und gelegentlich verlief man sich. Genau das hat ihr Spaß gemacht: die Strecke zu suchen. Im Ziel stellte sich heraus, dass sie die erste Frau war. Es gab nicht viele Teilnehmerinnen, wie sie sofort einschränkt, doch der Sportwart eines Ultralaufvereins fragte trotzdem, ob sie im Sommer bei der 100-Kilometer-Meisterschaft mitlaufen wolle.
Ihre erste Reaktion: „Oh Gott, nein, ich bin gerade einmal 50 Kilometer gelaufen, wie soll ich denn 100 laufen?“ Dann arbeitete die Frage in ihr weiter wie ein Kieselstein im Schuh. Er überredete sie außerdem, den Bonn-Marathon doch noch zu laufen, diesmal als Zugläuferin mit Luftballon, Zielzeit 4:30, also als eine Art Auftriebshilfe für alle anderen. Einen Stadtmarathon auf Zeit würde sie für sich noch immer nicht laufen, aber in der Gruppe und mit der Aufgabe, andere zu motivieren, hat es ihr gefallen.
Leipzig war dann ein Plan, der aufging, was man von Plänen im Allgemeinen und von meinen im Besonderen nicht immer behaupten kann: die ersten 50 Kilometer mit einer Sechser-Pace, die zweiten mit einer Siebener-Pace, und das, sagt sie, „fast taktgenau“. Der Kurzbericht der DUV zur 100-km-DM am 20. August 2016 erwähnt „schwül-warmes Spätsommerwetter“. Merken wir uns das. Bei den Frauen gab es nur zwei Teams, eines davon fiel auseinander, und so kam Kathi mit ihrer Mannschaft aufs oberste Treppchen.
„Ich dachte: Wow, krass, ich habe jetzt einfach was ausprobiert, und jetzt stehe ich hier auf dem Siegertreppchen und bin Deutsche Meisterin. Das konnte ich gar nicht glauben.“
Landschaftlich sei so eine Rundstrecke nicht so ereignisreich wie ein Trail. Was sie begeistert hat, waren die Menschen: Man ist mit vielen anderen auf derselben Runde und sieht sich immer wieder. Hundert Kilometer im Kreis machen aus Mitläufern Verbündete.
Allein, aber nicht immer gleich viel
Trotzdem zog es Kathi immer wieder auf die Trails. Zwischen den Wettkämpfen, die sie auch dem Verein zuliebe lief, gab es das Training auf eigenen Routen: Wege miteinander verbinden, schauen, was einen interessiert. Mehrfach hat sie Freunde besucht, die 50 oder 80 Kilometer entfernt wohnen, mit der Ansage „Ich bin heute Abend bei dir, und morgen gehen wir in die Sauna“. Aus der gewöhnlichen Trainingsstrecke wird so eine Besuchsreise auf Schuhsohlen.
„Ich mag das so gerne, so ein kleines privates Abenteuer daraus zu machen.“
Laufschuhe gehören für sie in jedes Gepäck, egal wie kurz die Reise ist, um die Gegend zu erkunden. Auf einer Konferenz sieht das bisweilen seltsam aus, und einmal hatte sie sogar nur die Laufschuhe dabei, eine Prioritätensetzung, die man respektieren muss.
Spannend wird es bei der Frage nach Gemeinschaft und Alleinsein. Bei Jonathon lag die Pointe darin, dass beides im selben Rennen stattfindet. Bei Kathi kommt die Zeit als dritte Dimension dazu.
„Früher bin ich mehr bei Wettkämpfen mitgelaufen oder mit der Mannschaft, weil ich zu zweit gelebt habe und relativ autonom war. Da hatte ich nicht so viele Sozialkontakte. Aber jetzt, so wie ich lebe, bin ich rund um die Uhr mit meiner Familie zusammen, und darum ist es mir wichtig, auch alleine zu sein beim Laufen.“
Ich lese das nicht als Rückzug, und sie sagt es auch nicht so. Laufen war für Kathi schon immer beides: Gemeinschaft und Zeit mit sich selbst. Verschoben hat sich nur der Fokus, und der ist mit dem Familienalltag mehr in Richtung Selbst gewandert. Was einen Läufer zum Läufer macht, ist offenbar keine Konstante, sondern eine Funktion der Lebensumstände. Mathematiker mögen mir die Wortwahl verzeihen.
Zwei Tage Frust, dann Plan
Eine richtig schlimme Laufverletzung blieb Kathi zum Glück erspart. Die Reizung vor dem ersten Marathon ordnet sie selbst als Überlastung ein. Schlimmer war ein Fahrradunfall: Auf nasser Straße rutschte sie mit einem alten Rad weg und fiel aufs Knie, stand sofort wieder auf, fuhr nach Hause und merkte erst dort, dass es schlimmer wurde. Diagnose: Avulsionsfraktur, ein knöcherner Ausriss, vergleichbar mit einem Bänderriss.
Danach war sie nach eigenen Worten „sehr runtergezogen“. Sie machte sich Vorwürfe, wie man so dumm sein kann, der Unfall sei komplett vermeidbar gewesen, und weinte eine Nacht lang. Dann kam sie in den Modus, den sie auch von anderen Hindernissen kennt: Was brauche ich jetzt, und wie komme ich am besten wieder heraus? Es folgten die Operation und viel Physiotherapie. Dass kurz darauf Corona begann und sie im Homeoffice ihren Tag nach dem Knie richten konnte, nennt sie selbst „passend“. Heute merkt sie nichts mehr davon.
„Wenn ich die Wut und die Trauer zugelassen habe für ein, zwei Tage, dann kann ich darauf aufbauen und mich relativ schnell adaptieren.“
Dieselbe Haltung begegnet ihr auf dem Trail wieder. Ist ein Weg gesperrt oder funktioniert eine Route nicht, muss man umplanen und kreativ sein, und das, sagt sie, finde sie auch immer schön. Wer wie ich von Komoot schon einmal vor einem Militärgelände abgesetzt wurde, weiß: Umplanen gehört zum Trailrunning wie die „Blasen zur Wildnis“ (frei nach ‚wie die Jungfrau zum Kinde‘). Jonathon hatte sein „Zähl die Schwimmzüge“, Kathi hat ihr „zwei Tage zulassen, dann planen“. Frust mit Ablaufdatum.
Wenn der Magen nicht mitläuft
Weniger planbar ist ein anderes Thema: der Magen, der in dieser Geschichte ein Vetorecht hat und es auch nutzt. Bei Wärme wird Kathi schnell übel, bis zum Erbrechen. Das war in diesem Sommer zweimal so, auch schon im April bei über 20 Grad, und es hat sie ernsthaft zweifeln lassen, ob Laufen im Sommer überhaupt eine gute Idee ist. Die Vorgeschichte gibt es schon länger, aber so heftig wie diesmal war es noch nie.
Beim Panoramalauf im Ahrtal stieg sie aus. Sie dachte, dann werde es schon besser, aber sie konnte danach die ganze Nacht keinen Schluck mehr trinken. Am Ende fuhr sie ins Krankenhaus, weil sie davon ausging, dass kein Wasser mehr in ihr war, und bekam eine Infusion. Danach war „innerhalb von wenigen Sekunden“ alles in Ordnung. Als mögliche Mitursache nennt sie, dass ihr Körper inzwischen auf das Isogetränk konditioniert sein könnte: Es wird ihr dann automatisch schlecht. Pawlow lässt grüßen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Ich kenne das in der Zuckervariante, bei mir rebelliert der Magen auch, sobald es zu süß wird.
Am Tag nach unserem Gespräch hat sie sich deshalb eine Art Wiedergutmachung vorgenommen: einen Backyard-Lauf in der Eifel, nämlich den RET-Team Backyard12. Backyard heißt, Stunde für Stunde dieselbe Runde, im Grunde die Erfindung der Endlosschleife mit Startnummer. Kathis Variante hat einen Notausgang: zwölf Stunden Limit, „weil ich nie einen Open-End-Backyard laufen wollte“, und etwa 120 Höhenmeter pro Runde. Der Plan: super langsam laufen, alle Anstiege gehen, wenig Pause machen und auf keinen Fall überhitzen.
„Ich hole mir damit hoffentlich ein positives, korrigierendes Erlebnis, dass es mit meinem Magen doch funktioniert, solange es nicht zu anstrengend und nicht zu warm ist.“
Das Ergebnis kenne ich inzwischen, und es fällt ziemlich eindeutig aus: über 80 Kilometer, mehr als die versprochenen 1.440 Höhenmeter und die vollen 12 Runden. Der Magen hat diesmal auf sein Vetorecht verzichtet. Ihre eigene Zusammenfassung dazu:
„Wundervoller Tag und superglücklich, dass die Strategie für den Magen aufgegangen ist. Längster Lauf seit 5 Jahren und 4. Platz overall in der letzten Sprintrunde.“
Und auf meine Nachfrage, wie der Lauf gewesen sei:
„Es war total schön: Tolles Format, abwechslungsreiche Strecke und das langsame Tempo hat auch super funktioniert für den Magen.“
Wieder ein Plan, der aufging. Langsam wird das ein Muster: zulassen, planen, durchlaufen.
Klein, wenig Organisation, viel Eigeninitiative
Eine Saisonplanung im klassischen Sinn hat Kathi nicht. Sie meldet sich an, wenn sie denkt: Da will ich dabei sein. Der Drachenlauf war so ein Kandidat, um den sie seit Jahren herumschleicht. Der Kampf mit dem Drachen begann diesmal schon bei der Anmeldung, aber, erstaunlicherweise, sie hat einen Startplatz bekommen. Im November folgt der Rursee Ultra, und dann gibt es noch einen Out-and-Back-Lauf des Rureifel Trail, den sie letztes Jahr schon mitgemacht hat: Start und Wendepunkt erfährt man erst einen Tag vorher, alle 500 Meter hängt ein Stempel (Stempelkarte wie beim Bäcker, nur ohne Brötchen), und man muss selbst entscheiden, wie weit man in der verbleibenden Zeit hinauslaufen kann und trotzdem rechtzeitig zurückkommt. Der Hinweg ist vorgegeben, der Rückweg frei wählbar.
„Ich mag am liebsten kleinere Events mit möglichst wenig Organisation und eher weniger Teilnehmern, bei denen man ein bisschen eigeninitiativ sein muss, wie im Siebengebirge zum Beispiel.“
Damit schließt sich ein Kreis: Das Siebengebirge ohne Markierung war 2016 ihr Einstieg in die Ultrawelt, und es ist bis heute der Maßstab dafür, was sie sucht. Mich hat das sofort überzeugt, große Events sind auch nichts für mich. Ob wir uns beim Drachenlauf über den Weg laufen, wird sich zeigen.
Der perfekte Trail ist nicht planbar
Kathi tut sich nach eigener Aussage schwer mit „großem Pathos“, wenn jemand ein Zitat von ihr haben will. Was dann kam, kommt ohne Pathos aus und braucht auch keins. Der perfekte Traillauf, sagt sie, existiere eigentlich gar nicht, und Perfektion sei auch grundsätzlich nicht erstrebenswert, weil sie außerhalb der eigenen Kontrolle liege.
„Und das ist halt auch das Schöne, was mich beim Laufen fasziniert. Man kann was dazu beitragen, man kann die Route wählen. Aber ob es dann wirklich schön wird, hängt von so vielen Faktoren ab, die man nicht kontrollieren kann: dem Wetter, dem Sonnenaufgang, ob man zufällig bestimmte Tiere sieht, ob in dem Moment das perfekte Lied in der Playlist kommt. Wenn etwas Unkontrollierbares passiert, das man nie so hätte planen können, dann bringt das seine eigene Faszination mit sich.“
Damit schließt sich auch der Kreis zum Wendelstein. Die Route war geplant, das Licht, der Tau, die Gämsen und die Kühe waren es nicht. Der Plan liefert die Bühne, das Drehbuch schreiben andere. Vorbereiten, Verantwortung übernehmen und danach mit dem arbeiten, was tatsächlich passiert: Das gilt vermutlich nicht nur für Kathis Läufe.
Ich nehme ihren Satz mit nach Südostasien, wo ich in den kommenden Monaten genau damit zu tun haben werde. Und wer Laufschuhe zur Konferenz mitnimmt, hat die Frage „Was macht einen Läufer zum Läufer?“ ohnehin schon beantwortet, nur eben mit dem Gepäck statt mit dem Mund.
Geschrieben von Ingo@Lozania-Lifestyle.de
